Montag, 23. März 2015

5 Mythen über bilinguale Erziehung


“Was sprecht ihr denn da? Ist das Russisch? Nein? Deutsch. Ach wie interessant. Kann sie denn auch Arabisch? Ist das nicht viel zu früh? Sie bringt doch die Sprachen völlig durcheinander...“ Ich höre solche Kommentare beinahe täglich. Jeder und wirklich JEDER hat eine Meinung zu dem Thema.


  • Deine Schwiegermutter
  • Der Verkäufer im Supermarkt
  • Die lieben Nachbarn
  • Sogar wildfremde Menschen auf der Straße


Manchmal möchte man am liebsten laut schreien oder genervt die Flucht ergreifen. Manchmal hilft weglächeln. Die beste Taktik ist aber, selbst die Fakten zu kennen. So kannst du ganz ruhig auf ungebetene Ratschläge reagieren.

Lies hier über die hartnäckigsten Mythen über bilinguale Erziehung, an die Außenstehende immer noch glauben.

Mythos #1


„Dein Kind ist doch ganz verwirrt von zwei (oder mehr) Sprachen“


Dieser Mythos ist weitverbreitet in monolingualen Ländern. Du kannst dir aber sicher sein, dass dein Kind genügend Gehirnzellen besitzt, um zwei oder mehrere Sprachen zu bewältigen, ohne einen Kurzschluss zu riskieren. 

Das Gegenteil ist der Fall, wie jahrzehntelange Studien beweisen. Wer mehrsprachig ist, hat tatsächlich signifikante Vorteile im kognitiven Bereich. 

Außerdem müssen wir auch an die vielen Länder denken, in denen es völlig normal ist, von klein auf mehrere Sprachen zu lernen: Schweiz, Kanada, Belgien und Finnland sind ein paar sehr gute Beispiele.

Mythos #2


„Zwei Sprachen sehe ich ja noch ein, aber mehr als das ist einfach zu viel!“


Eine weitere Sprache zu lernen ist doch ein Klacks, wenn man bedenkt, wie viel ein Baby in seinen ersten Lebensjahren lernen muss. 

So lange dein Kind genügend Input in der zweiten oder auch dritten Sprache bekommt, wird es keine Probleme haben. Ein zweijähriges hat 50 % mehr Synapsen als ein Erwachsener und das bestimmt nicht ohne Grund! 

Selbst wenn sich dein Kind dazu entscheidet, nicht alle Sprachen zu sprechen, unterschätze nicht den Wert einer passiven Sprache. Das bedeutet, es versteht die Sprache, ohne sie aber zu sprechen. Spätestens wenn diese Sprache dann in der Schule oder im Erwachsenenalter gelernt werden muss, wird sich dein Kind leichter tun als andere. Es ist also keine vergebene Mühe, wenn dein Kind die Sprache „nur“ versteht.

Mythos #3


„Dein Kind wird alle diese Sprachen vermischen.“


Zugegeben, dein Kind wird wirklich die Sprachen etwas vermischen. Aber das ist völlig harmlos und gibt sich mit der Zeit wieder. Dieses Phänomen verschwindet wieder, je größer der Wortschatz in der jeweiligen Sprache wird. 

Auch einsprachige Kinder benutzen falsche Wörter und korrigieren sich selbst, sobald sie gelernt haben, wie es richtig geht. Du kannst es deinem Kind aber leichter machen, indem du selbst die Sprachen nicht vermischt. Halte dich einfach an die Regel „Ein Elternteil, eine Sprache“. (Ausnahmen in gewissen Situationen bestätigen natürlich die Regel)

Mythos #4


„Das ist doch viel zu früh. Fang doch einfach später damit an.“


Viele Menschen denken, es ist eine große intellektuelle Bürde für ein Kind, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen. 

Dabei ist Sprache etwas ganz natürliches und läuft quasi nebenbei, gerade, wenn man schon sehr früh damit anfängt. Studien belegen, dass ein Kind etwa ein Drittel seines Wachzustandes mit einer zweiten Sprache konfrontiert sein sollte, um wirklich aktiv bilingual zu sein. Bei weniger Interaktion verstehen sie die Sprache sehr wahrscheinlich auch, doch wird es dann schwieriger, diese Sprache auch zu sprechen. 

Kindern fällt es so viel einfacher, eine weitere Sprache zu erlernen, als uns Erwachsenen. Dennoch müssen sie ein Wort unzählige Male hören, ehe es bei ihnen hängen bleibt. Die Ausnahme sind natürlich „böse Wörter“. Die merken sie sich wie durch ein Wunder gleich nach dem ersten Mal.

Mythos #5


„Lesen und schreiben in zwei Sprachen? Die meisten Kinder können das noch nicht mal in einer Sprache.“


Viele Kinder haben erst einmal Schwierigkeiten, lesen und schreiben zu lernen. Das stimmt schon. Allerdings ist das völlig unabhängig von der Sprache, denn Schrift hat lediglich etwas mit Codierung und Decodierung zu tun. Das gilt auch, wenn es verschiedene Alphabete betrifft. Dann ist es zwar etwas mehr Arbeit, aber das Prinzip von Lesen und Schreiben bleibt gleich.


Interessant ist, dass Kinder, die Zugang zu mehreren Sprachen haben, die Natur der Sprache selbst einfacher erfassen können. Das verbessert die allgemeine Lese- und Schreibfähigkeit. 
Auch wenn du das am Anfang bezweifelst: Dein mehrsprachiges Kind entwickelt ein besseres sprachliches Verständnis.

Du bist nun also gewappnet und weißt zu antworten, wenn dich einmal wieder ein ungebetener Ratschlag mitten ins Gesicht trifft.

 Wenn du keine Lust auf Diskussionen hast oder Hinweg lächeln nicht hilft, dann kannst du dein Gegenüber auch mal fragen, ob es Einstein geschadet hat, dass er Deutsch und Italienisch aufgewachsen ist. Und auch er begann erst mit drei Jahren zu sprechen, was seinem weiteren Werdegang nachweislich nicht geschadet hat.

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