Montag, 16. November 2015

Eine Warnung an alle neuen Eltern, die ihr Kind mehrsprachig erziehen wollen


Von geplatzten Träumen bei der Bilingualen Erziehung


Ich hab jetzt schon viel über Bilinguale Erziehung geschrieben. Aber für neue Eltern mag das vielleicht der wichtigste Artikel sein.

Diese Warnung gilt nicht für alle, denn die Voraussetzungen in jeder Familie sind einzigartig. Es gibt jene, die das Glück haben, den Kindern viel Input in der Zweitsprache geben zu können. Sei es durch Kindergärten und Schulen in der jeweiligen Sprache oder vielleicht eine große deutschsprachige Community vor Ort. Jene werden vermutlich nicht die selben Sorgen teilen, wie andere, die solche Möglichkeiten nicht haben. Auch Eltern, die eine Zweitsprache erst nach einigen Jahren einführen wollen, gehen einen völlig anderen Weg.

Dieser Artikel ist an Eltern gerichtet, die das gleiche Ziel verfolgen wie ich selbst:


Du träumst davon, deine Kinder von Geburt an gleichzeitig in mindestens zwei Sprachen zu erziehen und dass beide Sprachen von deinen Kindern gleichwertig angenommen und gelernt werden. Du möchtest von klein auf deine eigene Muttersprache überliefern und die gesamte Kindheit in dieser Sprache mit deinen Kindern kommunizieren.

Gleichzeitig ist dein Umfeld aber voll auf die Erstsprache ausgerichtet. Deine Kinder gehen auf eine einheimische Schule, wachsen in einer einheimischen Umgebung auf, haben einheimische Freunde und pflegen mehr Kontakt zum einheimischen Teil der Familie.

Das bedeutet, du bist die Hauptquelle für die Vermittlung deiner Muttersprache. Alle Anstrengungen lasten fast gänzlich auf deinen Schultern. Noch schwieriger wird es, wenn du berufstätig bist und nicht mehr rund um die Uhr die einzige Bezugsperson bist, weil dein Kind vielleicht eine Nanny hat oder in den Kindergarten geht.

Wenn du eine neue Mama/ ein neuer Papa bist und das alles kommt dir bekannt vor, dann bitte ich dich, die folgende Warnung zu lesen und mit anderen in einer ähnlichen Situation zu teilen.

Starte voll durch


Zuallererst: Gehe nicht davon aus, dass es leicht sein wird.

Wenn du glaubst, dein Kind wird die Zweitsprache einfach so „aufschnappen“, dann könnte das ein böser Fehler sein. Es hat noch niemandem ernsthaft geschadet, wenn das Projekt bilinguale Erziehung gescheitert ist. Aber die Träume vieler Eltern wurden bereits zerschlagen, weil sie viel zu spät bemerkten, dass die Erziehung eines zweisprachigen Kindes weit mehr Zeit, Energie und manchmal auch Kosten beansprucht, als zuvor gedacht.

Die Wahrheit ist, wenn du möchtest, dass dein Kind beide Sprachen gleichzeitig lernt und die Umsetzung allein auf deinen Schultern lastet, dann musst du gleich zu Beginn zu Potte kommen.

Starte voll durch! Die zweisprachige Reise ist wie ein Marathon. Wenn du zu langsam beginnst, dann fällst du schon bald zurück.

Die ersten Jahre eines Kindes sind absolut entscheidend für deinen Erfolg, denn das ist die wichtigste Zeit für die Sprachentwicklung. Wenn die Umstände Anfangs komplett gegen dich zu sein scheinen, dann musst du alles in deiner Macht stehende tun, um das zu ändern. Dein Kind sollte vom ersten Tag an mindestens 25 Stunden die Woche mit der Zweitsprache konfrontiert werden. Nur so besteht überhaupt die Chance, dass es beide Sprachen gleichwertig erlernt.

Der Maßstab deiner Träume


Du musst akzeptieren: Wenn dein Kind nicht genügend Berührungspunkte mit der Zweitsprache hat, wird die Entwicklung sehr bald hinter dem Fortschritt der ersten Sprache zurückfallen.

Bevor du es überhaupt merkst, ist die Hauptsprache im Alter von drei bis vier Jahren bereits viel Stärker und wurde zum Hauptkommunikationsmittel deines Kindes. Du erkennst dann plötzlich, dass du dein Ziel – zwei Sprachen gleichwertig zu vermitteln (Simultaneous Bilingualism) – nicht erreicht hast. Du wolltest, dass dein Kind in beiden Sprachen annähernd gleich gut und ganz einfach kommunizieren kann, doch das ist dann nicht in vollem Umfang eingetreten.

Ab diesem Punkt bist du gezwungen „Fangen“ zu spielen mit der Erstsprache. Die Anstrengungen und der Aufwand sind ungleich größer. Und du wirst merken, dass es unmöglich ist, wenn du nicht in der Lage bist, etwas grundlegendes in deinem Lebensstil zu verändern. Es muss dir gelingen, die beiden Sprachen wieder auszubalancieren.

Um dieses Dilemma und einen daraus resultierenden zerstörten Traum zu vermeiden, ist es viel besser und wichtiger, sich von Anfang an und permanent zu bemühen, dass die Minderheitensprache einen festen Platz erhält. Nur so kann sie stetig mit der Hauptsprache mithalten und bleibt gleichwertig.

Diese Warnung gilt wie gesagt nicht für alle Eltern. Und natürlich ist nichts Falsches dabei, wenn du zwischendurch merkst, dass du deine ersten Ziele nicht erreichen kannst und sie aus diesem Grund noch einmal überdenken musst. 

Sei dann getröstet, denn auch die passive Fähigkeit, eine Sprache zu verstehen und zu sprechen, kann zu einem späteren Zeitpunkt aktiviert werden.

Es ist also rein gar nichts verloren!

Aber wenn es wirklich wichtig für dich ist, dass dein Kind beide Sprachen simultan lernt, so dass du euer gesamtes Leben lang in deiner eigenen Muttersprache mit ihm kommunizieren kannst, dann musst du dir von Anfang an über die reale Größe und Herausforderung dieses Vorhabens bewusst sein und du musst deine Bemühungen an deine Ziele und den Maßstab deiner Träume anpassen.



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